IM WALD IST MAN NICHT VERABREDET
| Stück 1D - 2H - Wechseldekoration UA: 13.11.2009, Schauspielhaus Zürich |
13.11.2009,Schauspielhaus Zürich(UA)
«Lilith!», ruft die neben mir sitzende Premierenbesucherin derart laut und mit heller Stimme in den tobenden Schlussapplaus hinein, dass mich auf dem Nachhauseweg noch ein leichter Tinnitus begleitet. Wirklich böse kann ich meiner Sitznachbarin nicht sein, denn sie hatte mit ihrem begeisterten Ausruf so was von recht: Die Sensation der Uraufführung von Anne Nathers Stück «Im Wald ist man nicht verabredet», die in der Regie von Daniela Löffner im Keller des Schauspielhauses über die Bühne geht, ist die 21-jährige Schauspielerin Lilith Stangenberg.
Zusammengebastelte Biografie
Mit plappernder Kinderstimme und überwältigendem Charme spielt Stangenberg die völlig überdrehte, ziemlich durchgeknallte Elsie. Die kommt als Luftgeist ohne eigene Biografie aus, bastelt sich ihr Leben stattdessen aus der Nacherzählung von Filmen zusammen und ist - von der überlangen Zigarettenspitze bis hin zur Augenbinde und den Ohrstöpseln mit Quasten - mit den Accessoires der Audrey Hepburn in «Breakfast at Tiffany’s» ausstaffiert (Ausstattung: Claudia Kalinski).
In ihrem raffiniert gebauten Stück lässt Anne Nather (geb. 1985) diese Elsie auf den todkranken Simon (Markus Scheumann) und dessen jüngeren Bruder Anton (Jirka Zett) treffen. Aus Elsies ansteckender Leichtigkeit und der Verzweiflung der Brüder entsteht eine Dynamik, die in Löffners Regie in einer ausgelassenen Rasierschaumschlacht, gefolgt von einem emotionalen Absturz, ihren stärksten Moment hat.
Hinreissende Hauptdarstellerin
Erst ganz am Ende des Stücks zeigt uns Nather die Schattenseite von Elsies ansteckender Leichtigkeit und den Luftgeist in seiner Biografie- und Erinnerungslosigkeit als postmodernen Beliebigkeitsmenschen: «Simon? Wer war jetzt eigentlich gleich noch einmal Simon?», fragt Elsie unmittelbar nach Simons qualvollem Tod, den Markus Scheumann mit beeindruckender Körperlichkeit spielt. Hässlich ist das Gesicht, das uns Elsie nun zeigt, und das Publikum ist vorgeführt in seiner Verführbarkeit. Aber wie hätten wir Elsies Charme nicht erliegen sollen? Lilith Stangenberg war einfach grossartig!
Simon stellt sich während eines Gewitters ganz einfach in einen Waldsee, der Blitz allerdings verschmäht ihn, während sein Bruder am Ufer mit einem Kotflügel unter dem Arm darauf wartet. Das hat etwas skurriles, obwohl der eine todkrank und der andere mit der Pflege des Bruders überfordert ist. Entsteigt in der Waldklause der Brüder dann auch noch eine gewisse Elsie klatschnass einer Standuhr, dann weiß man: hier schätzt eine Autorin das Märchen und den schwarzen Humor.
(...) traumhaft sicher und geglückt (ist der Text) in den Auslassungen und Monologen des Mädchens Elsie, das in der Verkörperung durch Lilith Stangenberg zu einer komisch-absurden Glanzrolle avanciert. Die entwaffnende Fröhlichkeit ihres Mickey-Mouse-Lachens, die Grazie und der Charme ihres körpersprachlichen und tänzerischen Einsatzes, die naiv-arglose und dann wieder schelmisch-burschikose Artikulation ihres Sprechparts – all das hat zur Folge, dass das tragische Bruderstück mehr und mehr zur (...) berührenden Kür dieser an Ophelia aus HAMLET erinnernden Gestalt wird.
11.3.2010, DeutschesTheater Berlin (Gastspielder Züricher Produktion)
(...)[D]as moderne Märchen "Im Wald ist man nicht verabredet" (...), das die 25-jährige Anne Nather im Düsseldorfer Autorenlabor schrieb[, inszenierte] Daniela Löffner mit kauzigem Spielwitz (...). (...) Nathers Blick dreht sich (...) nach innen, in den aufreibenden Kampf zweier Brüder, die sich wegen des nahenden Krebstods des einen das Leben schwer machen. Der Auftritt einer entzückend spröden Fee hält dabei die Zeit an und beide beginnen vorsichtig, einen Punkt der Unverwundbarkeit in sich zu suchen.
