10.1.2010, DüsseldorferSchauspielhaus (UA)
Düsseldorf - Thomas Jonigk hat sein neues Stück «Ach, da bist du ja!» dem Düsseldorfer Ensemble auf den Leib geschrieben. Er hat die Schauspieler bereits während seiner Zeit als Hausautor am Düsseldorfer Schauspiel näher kennengelernt - und sich von ihnen zu seinem neuen Dreiakter inspirieren lassen.
Zur Uraufführung am Sonntagabend war Jonigk eigens nach Düsseldorf gekommen und nahm den lang anhaltenden, einhelligen Schlussbeifall gemeinsam mit dem Ensemble im Kleinen Haus entgegen.
«Ach, da bist du ja!» fügt der langen Geschichte des Geschlechterkriegs ein neues Kapitel hinzu. Daniel Zeisig wartet auf seine Frau. Als sie endlich kommt, entspinnt sich ein kleiner Ehekrach: Wer war Schuld am Warten? War die Verabredung eindeutig genug? Kleine Irritationen ergeben sich, als die beiden streiten, wie lang sie miteinander verheiratet sind und sich nicht einigen können, welches Auto sie fahren. Dann erkennen sie: Der andere ist ja gar nicht der Ehepartner! Dieser Moment des Einbruchs des Absurden wird noch übertrumpft, als sie sich augenblicklich ineinander verlieben - um dann so bald wie möglich zu heiraten.
Das ist noch gar nichts: Jonigk ist ein Meister beim Übertreiben und Übersteigern des Grotesken: Auf die Liebe folgen der Überdruss und der Kampf um die Vorherrschaft, bei dem Jonigk den Frauen die größere Konfliktfreudigkeit zumisst. Wenn die Trennung im Raum steht, kommen die Angst vor dem Verlust, die Eifersucht, wenn ein Rivale auftritt, und schließlich Gewalt, Mord und Totschlag. Die Handlung spitzt sich zu, als ein Kommissar die Tür aufsprengt, der dazu neigt, die Verdächtigen zu verwechseln und deshalb den unschuldigen Daniel nicht nur beschuldigt, sondern auch festnimmt.
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Unter der heiteren Oberfläche, die mit Seitenhieben auf Gewalt in den Medien nicht spart, erinnert Jonigk an eine alte Theaterweisheit: die Menschen verkennen sich - sich selbst und ihre Gegenüber. Deshalb lautet die uralte Botschaft, die schon die Römer klassisch formuliert haben: Nosce te ipsum! - Erkenne dich selbst!
SCHLAGABTAUSCH ZWISCHEN MANN UND FRAU
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Ein Mann steht wartend auf der Bühne, breitbeinig, starr, wie ein lebensgroßes Eisenbahnfigürchen in eine echauffierte Haltung gegossen, als um den Bühnensockel herum eine zierliche Frau den größtmöglichen Umweg macht, mit zwei braunen Einkaufstüten bepackt, im Kostüm und mit hoch gesteckten Haaren schließlich über ein Treppchen hinaufstöckelt. Dort postiert sie sich in angemessener Duell-Entfernung, und die beiden lesen sich die Leviten. Sie beschimpfen sich aufs Übelste und können nicht glauben, dass der andere so dumm ist. Dass sie sich verpasst haben, liegt nicht nur daran, dass sie ein anderes Auto gesucht hat, als er eines fährt, sondern vor allem daran, dass sie gar nicht miteinander verheiratet sind. Sie haben schlicht ihre Ehepartner verwechselt. Diese Erkenntnis ändert sofort die Stimmung und die beiden kommen sich näher. Jahre später tauchen verwirrende Fragen mit neuem Partner wieder auf. Warum hat sie Freunde eingeladen? Wessen Freunde sind das? Wie unterscheiden sie sich von anderen Freunden? Oder hat er eingeladen? "Ein grundsätzlicher Willkommensgruß, um endlich Deine Ex-Männer kennenzulernen, mit denen ich offenbar schon seit Jahren befreundet bin. Das ist doch befremdlich, wenn man seine Freunde nicht kennt."
Autor Thomas Jonigk hat schon andere Texte vorgelegt wie den monologischen Roman "Jupiter", hervorragend geschriebene, schwere Kost, die Gewalt und Ausbeutung thematisiert und den Leser (oder Zuschauer) hoch verstört zurücklässt. Sein neues Stück "Ach, da bist du ja!" kommt dagegen so leicht daher, wie der Titel klingt. Es verwirrt dennoch heftig: Sämtliche Figuren geraten zwischen zig parallelen Welten ins Schleudern, man kommt kaum mit, wer sich gerade mit wem wo befindet. Nun liegt in diesen unendlich vielen Überraschungsmomenten die Komik und darin, dass ein Schlagabtausch zwischen Mann und Frau nach Boulevardregeln ja sowieso oft zwischen Paralleluniversen stattfindet. Es kommt auch ein Kommissar und später eine Polizistin, es findet Totschlag statt und wird Mord gestanden. Vielleicht ist alles in einer anderen Wirklichkeit schon passiert. Oder in derselben. Oder es könnte auch sein, dass ein paar Ereignisse in Daniels Leben eintreten, weil er sie sich selbst schon prophezeit hat, das aber gerne als Naturgesetz sieht. Auch das passte zu seiner Interpretation der Quantenmechanik, dass der Mond nur dann existiert, wenn man hinguckt.
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Das schlichtweg Absurde der Szenen gießt Regisseur Stefan Bachmann mit seinem Team in viele kontemplativ schöne Bilder, à la Magritte. Sie zeigen etwas, was sie behaupten, nicht zu sein: Dies ist keine Ehefrau. Oder umgekehrt: Dies ist ein toter Kommissar. (...) Bachmann spielt hintergründig mit Erwartungshaltung und Motiven.
LIEBESGROTESKE ACH DA BIST DU JA
LACHEN UND VERKRACHEN
Mal lustig, mal schaurig: Thomas Jonigk schildert Begegnungen zwischen Männern und Frauen. Ihm ist ein bizarres Beziehungsstück gelungen, dessen Uraufführung nun Stefan Bachmann besorgt. Die Zuschauer werden viel zu lachen haben. Die Figuren nicht.
Ein Mann und eine Frau treffen sich und streiten drauflos: Darüber, wie lange sie verheiratet sind, seit fünf oder seit sechs Jahren, was für ein Auto sie fahren, einen Twingo oder einen Corsa, welchen Beruf er hat, Versicherungsmakler oder Stadtplaner, wie alt sie ist, 31 oder 35, wie sie heißt, Claudia oder Gerda. Um dann endlich zu merken, dass sie gar nicht verheiratet sind, sondern sich verwechseln. Kurz später küssen sie sich, heiraten und beginnen zusammen ein neues Leben, in dem die Vorwürfe und Zickereien jedoch recht bald von vorne beginnen.
"Ach, da bist Du ja!" heißt das bizarre Beziehungsstück, das nun im Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspielhauses uraufgeführt wird. Über weite Strecken reden die Figuren so zielsicher aneinander vorbei, dass man manchmal den Überblick verliert. Keiner scheint den anderen wirklich zu kennen, ja keiner kennt sich selbst, so dass die Identitäten ineinander rutschen und sich kaum noch aufdröseln lassen. Erst nach und nach werden Bruchstücke der Biografien und Beziehungskonstellationen serviert.
Autor der grotesken Komödie ist Thomas Jonigk, 43, der Mitte der Neunziger als Nachwuchsdramatiker gefeiert wurde und heute als Leiter des Düsseldorfer Autorenlabors selbst den Nachwuchs auf die Erfolgsspur setzt.
Hinter den Pointen lauert der Wahnsinn
Sein neuer Text ist recht konventionell gebaut, mit viel Psychologie und Pingpong-Dialogen, in denen Pointe auf Pointe folgt, Verwechslung auf Verwechslung. Ein schnelles Konversationsstück, in dem die Figuren immer wieder auch das Publikum direkt ansprechen. Doch hinter dem boulevardesken Witz kommt mehr und mehr der Wahnsinn zum Vorschein, bestialische Morde inklusive. Schauspieler lieben solche Vorlagen, zumal Jonigk bereits beim Schreiben bestimmte Mitglieder des Ensembles im Blick hatte: Rainer Galke, Claudia Hübbecker, Katrin Röver, Susanne Tremper und Hans-Jochen Wagner.
Regie führt Stefan Bachmann, 43, der das Theater Basel einst als Schauspieldirektor in die erste Bühnenliga führte und dreimal zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, der Adelsschlag für jeden Regisseur. Mit Jonigk verbindet ihn nicht nur das gleiche Alter, sondern eine Freundschaft und langjährige Arbeitsbeziehung: "Ach, da bist Du ja!" ist das sechste Jonigk-Stück, das er inszeniert; gemeinsam gründeten sie 1992 in Berlin das "Theater Affekt", eine freie Produktionsgemeinschaft von Regisseuren, Dramaturgen und Bühnenbildnern, zu der unter anderem auch Lars-Ole Walburg gehörte, heute Intendant am Schauspiel Hannover.
Es ist eine Erfolgsgeschichte, die mit Jonigks grotesker Komödie fortgeschrieben werden könnte. (...)
Wenn auf nichts mehr Verlass ist, wenn selbst die physikalischen Gesetze nicht mehr gelten, dann hilft nur noch, sich unter dem Flokati Teppich zu verstecken. Die zotteligen Fransen über den Kopf ziehen, abtauchen, und hoffen, dass die Welt um einen herum wieder zur Vernunft kommt. Das findet Herr Zeisig und wartet unter dem weißen Fell. Er wartet und hofft, dass die Wirklichkeit draußen endlich wieder mit seiner Vorstellung von dieser übereinstimmt. Dass seine Freunde wieder die Namen tragen, die er noch gerade für wahr hielt. Und: dass der Kommissar von der Tür verschwindet, die er gerade aufsägt.
Mit "Ach, da bist Du ja!" zeigt das Schauspielhaus Düsseldorf die Uraufführung einer wunderbar spritzigen und eleganten Komödie. Autor Thomas Jonigk lässt Quantenphysik und Ehekrach, Identitäts- und Mördersuche aufeinanderprallen, wirbelt Banales wie Hintergründiges mühelos durcheinander und unterhält damit glänzend. Ins Zentrum stellt er eine existentielle Frage der Philosophie: Besteht die Welt nur in unserer Vorstellung?
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Das Ensemble, geführt von Regisseur Stefan Bachmann, spielt dieses Drama glänzend; bewältigt selbst die größten Fragen und Verwirrungen charmant und selbstverständlich, ohne die Spannung zu verlieren.
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