DAS GÄHNEN DER LEERE

von Stephan Seidel

Ein Auftragswerk des Staatstheaters Wiesbaden

2D - 4H - Wechseldek.

UA: 10.1.2010, Staatstheater Wiesbaden

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10.1.2010, StaatstheaterWiesbaden

In Stephan Seidels jetzt in Wiesbaden uraufgeführtem Stück "Das Gähnen der Leere" erkennt man auf Schritt und Tritt etwas wieder. So soll es auch sein. Zum Beispiel werden die Filme "Und täglich grüßt das Murmeltier" und "Die Truman Show" kombiniert, aber so, dass etwas eigenes dabei herauskommt.

Ein gewisser Hans arbeitet bei der Wettervorhersage beim Fernsehen. In seiner 2000. Sendung erleidet er einen Nervenkollaps, faselt, wird gefeuert und konzentriert sich fortan auf eine Fernsehserie namens "Liebe, Tod und Leidenschaft". Längst liebt er eine der Serienfiguren, die schöne Rosalinde. Durch einen geheimnisvollen Vorfall gerät er selbst just in die Folge 531, "Der Tag der Entscheidung": Rosalinde muss zwischen einem erotisierenden Waldmenschen und einem Fatzke wählen. Hans, auf einmal mittenmang, versucht nun Rosalinde für sich zu gewinnen. Aber nur bis zum Ende von Folge 531 hat er Zeit. Dann beginnt "Der Tag der Entscheidung" von Neuem.

Das wird hier vielleicht ein wenig behäbig erzählt, aber auch auf der Bühne entwickelt es sich ja so: Gar nicht flugs und straff, eher umständlich und etwas zerfahren.Das ist ein riesiger Vorteil. "Das Gähnen der Leere", wie der Titel schon ahnen lässt, dreht sich keineswegs um Rasanz, sondern um das allmähliche Eingesogen-Werden in eine idiotische, aber als existenziell erlebte Situation.

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Nur wer bisweilen selbst dem Sog solcher Serien nicht widersteht, kann ermessen, wie punktgenau Seidel charakteristische Elemente ins Groteske wendet: Nicht nur die artifizielle Leidenschaft und die stete Wiederholung der bedeutungsschwer vereisenden Gesten, sondern auch die endlosen Namensnennungen, die ein realistisches Beziehungsgefüge nachäffen. Jeder kennt Leute, aber nur Seriendarsteller müssen immer auch die vergesslichen Zuschauer auf dem Laufenden halten.

Seidel, 1983 geboren, ist Regiestudent an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. Seine Inszenierung seines eigenen Stücks ist darum eine Kooperation mit der Hessischen Theaterakademie, die wieder ihren erheblichen Nutzen beweist.

Frankfurter Rundschau

Es ist eine der ältesten Geschichten, die auf dem Theater immer wieder erzählt werden, die vom Verzweifeln des Menschen an der Welt und von der Hoffnung darauf, dass die Allmacht der Liebe Erlösung zu bringen in der Lage ist. Stephan Seidel erzählt sie in seinem Stück "Das Gähnen der Leere" neu, die Uraufführung in der Wartburg, die der Autor selbst inszeniert hat, nimmt das Publikum mit langem Applaus auf.

Hans ist der Wettermann eines Fernsehsenders, der von der quälenden Routine seines Jobs die Nase voll hat. Also poltert er in seiner 2000. Sendung einmal so richtig los - und fliegt. Jetzt steht er da in seinem privaten Einerlei von Rummelplatz- und Puffbesuchen, Lesen und Tennis spielen - und hat mehr als ausreichend Zeit, sich seiner Lieblingssoap im TV zu widmen, in deren Hauptprotagonistin Rosalinde (Shakespeare lässt grüßen) er sich gehörig verschaut hat; sie ist für ihn die Projektionsfläche für seine Vorstellung von einem erfüllten Leben. Wie der Lauf der Dinge nun einmal so ist - auf dem Theater oder auch im Film -, wird er in die 351. Folge der Seifenoper "hineingebeamt". Dort steht "Der Tag der Entscheidung an", das richtige Terrain für Hans, die Stadt der Reichen und der Schönen durcheinanderzuwirbeln.

Und das passiert dann auch auf der Spielfläche in der Wartburg reichlich: Das Drehbuch der Soap muss gleichsam andauernd umgeschrieben werden, da Hans ja nach den Regeln des "richtigen" Lebens agiert, seine Gegenüber da hinein ziehen möchte. Und so erleben die Zuschauer 90 Minuten lang ein rasantes Spiel, das mit "Tür auf, Tür zu" den dramaturgischen Regeln des Boulevard ebenso verpflichtet ist wie filmischen Vorbildern, etwa "Und täglich grüßt das Murmeltier" oder der "Trumanshow".

Das ist die Gelegenheit für Schauspieler, mal so richtig nach vorn zu spielen; der Regisseur gibt die Zügel frei, das Ensemble nimmt dankend an.

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Die Inszenierung von "Das Gähnen der Leere" besticht ohne Frage durch ihre Lebendigkeit.

Wiesbadener Tagblatt

"Das Gähnen der Leere" kam an beim Premierenpublikum der Uraufführung am 10. Januar in der Spielstätte Wartburg: Es belohnte das rasante, kunterbunte Spektakel am Sonntagabend mit großem, andauerndem Jubel.

Der 1983 in Halle an der Saale geborene Seidel kann in seinen jungen Theaterjahren schon beachtliche Stationen aufweisen: Berlin, Düsseldorf, New York - wo er Stipendiat bei Robert Wilson war - und Frankfurt, wo er Theaterregie studiert. In Wiesbaden inszeniert er das Stück um erträumte und tatsächliche Realitäten und Identitäten leicht und pointiert im Stil eines Boulevardstücks.

Immer wieder auffliegende und zuschlagende Türen halten das Geschehen und das Publikum ebenso auf Trab wie permanentes Reden und Plappern der hektischen und aufgeregten Akteure. Die Inszenierung ist reich an witzigen verbalen, optischen und dramaturgischen Einfällen.

Hessischer Rundfunk Online

Stephan Seidel hat wunderbar verrückte Ideen, die er jetzt zweimal kurz hintereinander in Wiesbaden und in Frankfurt auf die Bühne bringen kann. In Wiesbaden wird am Sonntag sein Stück "Das Gähnen der Leere" in der Wartburg uraufgeführt, der Studiobühne des Staatstheaters. Es trägt den Untertitel "I don´t wanna close my eyes, aber aus dieser Visage werde ich heute nicht mehr schlau". Seidel selbst führt Regie, es ist seine Diplominszenierung an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst.

Am Schauspiel Frankfurt wird er Anfang März ein weiteres eigenes Stück inszenieren, das noch nicht ganz fertig ist und noch keinen Titel hat. Darin soll es um den Turm zu Babel gehen, die Urgestalt des Wolkenkratzers. Gott bestrafte die Menschen, die bis dahin eine gemeinsame Sprache hatten, für die Anmaßung dieses Turmbaus mit der babylonischen Sprachverwirrung. In Seidels Stück soll der Turm neu gebaut werden. Menschen von überall her sollen darin wohnen und sich verstehen. Der Fluch, der auf dem Bauwerk liegt, soll aufgehoben werden.

Das Wiesbadener Stück "Das Gähnen der Leere" beginnt als Mediensatire. Seidel hat sich von dem Film "Und täglich grüßt das Murmeltier" von 1993 anregen lassen, in dem Bill Murray einen Wetteransager im Fernsehen spielt, den sein Job anekelt, vor allem die Berichte, die er vom Tag des Murmeltiers, dem 2. Februar, machen muss, einem Tag, der sich für ihn wie in einer Zeitschleife ständig wiederholt. Hans, der Wetterfrosch bei Seidel, dreht bei seiner 2000. Sendung durch.

Eine zweite Quelle der Inspiration war die Seifenoper, die Soap. Die endlosen TV-Serien, so Seidel, richten sich an alle Schichten der Bevölkerung, "auch Intellektuelle schauen sie sich an. Menschen, die komplizierte Entscheidungen treffen müssen, haben oft eine Sehnsucht nach Einfachheit". Und so sehen wir in seinem Stück aus der Serie "Liebe, Tod und Leidenschaft" die 531. Folge, "Der Tag der Entscheidung". "Die Hauptpersonen der Seifenoper strahlen nacheinander in die Kamera", heißt es in der Regieanweisung. Aber Seidel stellt die Soap auf den Kopf. Statt Einfachheit entstehen immer mehr Verwicklungen. Hans, der geschasste Wetterfrosch, greift in die Serie ein. Rosalinde, die Heldin, die er verehrt, kann sich nicht zwischen zwei Männern entscheiden. Die 531. Folge beginnt immer wieder aufs Neue. Sie endet im Chaos und mit einer vielleicht kleinen Hoffnung.

Seidel, 1983 in Halle an der Saale geboren, erzählt lebhaft und mit Begeisterung von seinem Werdegang und seiner Arbeit. Der Regisseur, der Philosophie und Literatur studierte, hat immer schon viel geschrieben, seit 2001 auch dramatische Texte, von denen einige aufgeführt wurden. 2005 hatte er das Glück, als Stipendiat an das Watermill Center Robert Wilsons in New York zu kommen.

Kennengelernt hatte er Wilson am Berliner Ensemble bei den Proben zu Shakespeares "Wintermärchen". In New York trafen sich 40 bis 50 junge Künstler aus der ganzen Welt, die dort kleine eigene Projekte realisieren konnten. Seit 2006 studiert Seidel Regie in Frankfurt. Seine Vordiplom-Inszenierung war Racines "Phädra" in einer eigenen Fassung am Gallus- Theater.

Seidel hat inzwischen einen guten Namen in der deutschen Theaterszene. In Frankfurt gehört er zu den jungen Autoren, die Intendant Reese ans Schauspiel binden will. (...) es ist eine hübsche Ironie, dass Seidels Wolkenkratzer-Stück auf der kleinsten Bühne des Schauspiels zu sehen sein wird, der Box.

Frankfurter Rundschau

Seidel und dem kleinen Ensemble, dem man anmerkt, wie gern es bei diesem Spaß dabei ist, gelingen immer wieder witzig herausgearbeitete Pointen, die vor allem den sprachlichen Leerlauf der Soap-Produktionen parodistisch auf den Punkt bringen. Da werden Alltagsbanalitäten mit großer Geste dahergeplappert und mit grüblerischen Aussagen über das Leben und die Liebe unterschiedslos vermengt. Da verheddern sich die Figuren in den Stereotypen ihrer Rolle und versuchen vergebens, die Störung von außen in ihre Soap-Wirklichkeit zu integrieren.

Frankfurter Allgemeine Zeitung