DIE TRÄGHEIT

von Lukas Linder

Stück

3D - 3H - Wechseldekoration

UA: 13.6.2010, Düsseldorfer Schauspielhaus

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13.6.2010, DüsseldorferSchauspielhaus (UA)

Die Groteske des 1984 geborenen Schweizers erinnert in ihrer absurden Fabulierlust an den Russen Daniil Charms. Ein Angestellter namens Kleinmann bemerkt eines Morgens, dass sein Gesicht grau geworden ist. Er wird entlassen, beginnt eine zarte Liebesgeschichte mit der Sekretärin Irma, lernt einen krebskranken Künstler kennen. Der schließt ihn in seine Sexorgien ein. Viel lieber wäre Kleinmann indes bei Irma. Die Sprache wirkt oft nostalgisch: "Ach, herrje" sagen die Figuren oft. Vom Geschlechtsverkehr jedoch wird sehr direkt gesprochen. Lukas Linder hat ein großes Talent: Sätze zuzuspitzen, Traurigkeit in Lachen umzubiegen und umgekehrt. Regisseurin Tina Lanik setzte den Schauspielern überdimensionale Puppenköpfe auf, die hinreißend mit den Augen klimpern können. Zuerst bewegen sich die Schauspieler auch wie Marionetten, dann legen sie die Köpfe ab, zeigen Gesicht, wagen Individualität. Bekommen sie aber Angst, sind die starren Masken stets griffbereit. Von Lukas Linder wird man auch längerfristig noch hören.

Welt-Online, Stefan Keim

Eine Besprechung des Abends in der Kultursendung "Mosaik" auf WDR 3 können Sie hier anhören.

WDR 3, Stefan Keim

Für Lukas Linder, den 26-jährigen Sieger des Autorenwettbewerbs, ist die zehn Jahre ältere Regisseurin Tina Lanik ein Glücksfall. Aus Linders skurriler, pfiffig durchkonjugierter Studie der Mittelmäßigkeit machte Lanik eine hinreißende Verpuppungsschau. "Die Trägheit" erzählt banale Splitter aus dem Leben eines Antihelden namens Kleinmann. Passend also zu dem physikalischen Gesetz vom Körper, der sich nicht oder nur gleichförmig bewegt, wenn keine äußere Kraft auf ihn einwirkt. Doch auf der Bühne des Kleinen Hauses bleibt es alles andere als gleichförmig. Anderthalb Stunden lang zerren sich die Darsteller in die Extreme des Alltags, mit Ganzkopfmasken, die ihre Rollenfiguren wie zu früh gealterte Kinder aussehen lassen. "Aus dem Fenster springen" ist eine der von Linder angebotenen Lösungen für deren durch das Scheitern kleiner Sehnsüchte verpfuschte Dasein. Das geschieht bei Laniks Uraufführung ohne Unterlass. Der Abend wartet aber zusätzlich mit einem Kosmos aus fliegenden Schweinen, Puderzucker und Prostata auf. Also mit glänzender Unterhaltung für WM-Muffel.

RP-Online, Claus Clemens