FRAU MÜLLER MUSS WEG

von Lutz Hübner und Sarah Nemitz (Mitarbeit)

Ein Auftragswerk des Staatsschauspiels Dresden

4D - 2H - 1Dek.

UA: 22.1.2010 , Staatsschauspiel Dresden


Inhalt

Bei Kindern hört der Spaß auf. Da zeigt sich, wie solidarisch eine Gesellschaft wirklich ist und wie sie mit Erfolg und Niederlagen umgeht. Da werden keine Gefangenen gemacht und keine Konzessionen.

Spätestens mit Beginn der Schulzeit werden die Ängste konkreter, ohne dabei aber an emotionaler Wucht zu verlieren. Jetzt beginnt das Rattenrennen um die Poleposition für den Weg in eine erfolgreiche Zukunft. Ein natürlicher Pessimismus paart sich mit der unverrückbaren Überzeugung, ein besonderes Kind zu haben. Aber spätestens mit dem ersten Zeugnis werden alle erzieherischen Ideale über Bord geworfen, falls das Ergebnis nicht mit den eigenen Erwartungen übereinstimmt.

Die Drei in Mathematik hat nichts damit zu tun, dass das eigene Kind ein Spätzünder ist, faul, unkonzentriert oder einfach mathematisch unbegabt (obwohl man dunkel ahnt, dass es daran liegen könnte). Nein! Es ist ein Angriff, eine narzisstische Kränkung oder ein Zusammenspiel von Schicksalsmächten, die bei der Notenvergabe nicht berücksichtigt wurden. Warum hat die Klassenlehrerin Inka Müller nicht bedacht, dass just am Tag vor der Mathearbeit das Meerschweinchen verstarb, das Kind lange einen üblen Husten hatte und ständig gemobbt wurde? Das muss man merken als Pädagogin (und wenn die Müller das nicht merkt, muss sie weg).

Richtig Schwung bekommen die Vorwürfe, wenn es um die weiterführende Schule geht. Wer den falschen Schultypus erwischt, kann einpacken, ist aussortiert und kommt nicht mehr hoch. Das ist der Albtraum aller Eltern, und dagegen wird gekämpft, mit allen Mitteln, über und auch gerne unter der Gürtellinie. Sachlichkeit und Objektivität spielen keine Rolle, es geht schließlich um alles: um das eigene Kind. Deshalb geht es bei Elternabenden ans Eingemachte. Wann trägt man sonst außerhalb von Familie und Freundeskreis einen existenziellen Konflikt aus? Einen Konflikt, der einen nächtelang wach gehalten hat, wo man in ohnmächtiger Wut frühmorgens vor dem Kühlschrank Volksreden konzipiert, Rachefantasien hat (Schluss mit lustig, Frau Müller!) und Panikattacken ... Und dann sitzen alle zusammen im Klassenzimmer auf Kinderstühlchen zwischen Kastanienmännchen, Laubgirlanden, Tonpapiercollagen und Kuschelecken, und vorne steht der Feind (Frau Müller!). Jetzt muss man zeigen, dass man seine Brut mit Zähnen und Klauen verteidigen kann, man hat so große Töne gespuckt ... Aber plötzlich ist das Problem weg, oder unscharf, und die Mutter von Lukas fängt schon wieder an zu heulen, und solche Verbündete will man ja auch nicht ... An Elternabenden kämpfen nicht nur Eltern um ihre Kinder, sondern auch immer die Eltern für sich selbst. Ein Scheißjob, aber, das sollte man nicht vergessen (ceterum censeo): Frau Müller muss weg!

Zu diesem Stück gibt es eine PDF-Datei.
Bitte loggen Sie sich hier ein um die Datei herunterzuladen.

Autor

Lutz Hübner

 

Lutz Hübner wurde 1964 in Heilbronn geboren. Nach einem Studium der Germanistik, Philosophie und Soziologie in Münster begann er 1986 seine Ausbildung zum Schauspieler an der Hochschule des Saarlandes ...

Pressen

Sächsische Zeitung

Jubelnd und mit ertapptem Lachen nimmt das Publikum die Uraufführung von "Frau Müller muss weg" auf. (...) Mit seinem Stück hat der 45-jährige Autor Lutz Hübner seine Erfahrungen auf Elternabenden in drei ...


nachtkritik

Selten waren sich in Dresden das Publikum und das Theater so einig: Ja, genau so sind sie! Natürlich immer die andern, und das Theater zeigt sie wie aus dem "richtigen Leben" ausgeschnitten und auf die Bühne gestellt: ...


Dresdner Neueste Nachrichten

Unterhaltsamer Klassen(zimmer)-Kampf Uraufführung im Kleinen Haus: Lutz Hübners Komödie "Frau Müller muss weg" begeisterte das Publikum Dieser Abend im Kleinen Haus (...) hat in vielerlei Hinsicht etwas mit einem ...


Mehr